12. Januar 2026

Damals war’s : „Sind Sie nicht auch der Meinung?“

Ein kürzlich verstorbener erfolgreicher Musiker soll in seinem letzten Willen verfügt haben, es dürfe kein Rappen seines Geldes zur Unterstützung armer Berufskollegen verwendet werden. Der Tüchtige setze sich durch und habe Erfolg, der weniger Tüchtige möge die Kunst meiden.

Damit ist zweierlei gesagt: Nur der Erfolgreiche ist tüchtig (wohlgemerkt: der bei Lebzeiten Erfolgreiche, und, da der fragliche verstorbene Musiker schon bei Lebzeiten erfolgreich war, gibt er durch seine Meinungsäußerung der Nachwelt auch zu verstehen, daß er sich selbst für einen tüchtigen, großen Musiker hält. Das Ganze scheint uns eine letzte kleine Eitelkeit zu sein, und wir glauben, daß Franz Schubert in einer anderen Welt seinen großen Kollegen mit einem kleinen verzeihenden Lächeln begrüßen wird.

Wir sind nicht der Auffassung, daß man Künstler immer durch großzügige Geschenke fördern kann. Dies ist eine Methode, die nur in wenigen Fällen zum Ziel führt. Wir sind aber auch nicht der Auffassung, daß der äußere Erfolg von der Größe eines Künstlers zeugt. Die künstlerische Leistung ist keine Ware, die man von der Materialprüfungs-Anstalt der ETH prüfen lassen, wägen, messen – z. B. am Erfolg messen – und bewerten kann. Da aber schaffende und werdende Künstler nicht nur von ihrem Künstlertum allein leben können, ist für viele Künstler die materielle Frage brennend, und die müssen die Äußerung unseres Erfolgreichen als vielleicht folgenschwere Deklassierung empfinden.

Wir wollen es daher deutlich sagen: Es ist nicht wahr, daß nur der Erfolgreiche ein wirklicher Künstler ist. Er ist im Gegenteil sehr oft nur einer,der es versteht, sich geschickt in Szene zusetzen. Es ist nicht wahr, das der Erfolglose immer ein untüchtiger Stümper sei, der besser die Kunst lassen würde. Leider, leider leben oft G r o ß e in bitterster Armut. Es gibt nicht nur Schubert, es gibt unter vielen anderen auch einen großen, berühmten französischen Maler, der bei Lebzeiten nur ein einziges Bild verkaufen konnte, es gibt Bilder, die heute Ehrenplätze in den großen Galerien einnehmen und große Werte repräsentieren, die vom Künstler gegen ein warmes Mittagessen fortgegeben werden mußten. –

Gewiß, der Erfolg beweist eine gewisse Tüchtigkeit, aber er beweist nicht die Tüchtigkeit als Künstler; er beweist nur, daß der Erfolgreiche die Tüchtigkeit besaß, seine Fähigkeiten zur Geltung zu bringen und daß es ihm gelang, diese Geltung in klingende Münze zu verwandeln. Es ist also die Tüchtigkeit des erfolgreichen Geschäftsmannes. Wenn sich diese Tüchtigkeit mit wirklichem Künstlertum paart, und wenn die Kunst sich diese Tüchtigkeit in allen Fällen unterordnet, ist es ein seltener Idealfall. Gibt es ihn?

Die Tatsache, daß viele Künstler in materieller Not lebten und leben, zeigt uns, daß der andere Fall häufiger ist. Gegen diese Künstler den Vorwurf der Untüchtigkeit zu erheben, ist ungerecht [im Original: „,ist ein Verbrechen“]. Denn wenn auch nicht jeder Erfolglose ein Künstler ist, und wenn es unter Erfolglosen nur einen wirklichen Künstler gäbe, wäre es doch eine Ungerechtigkeit [im Orig.:„einVerbrechen]. Der Erfolglose ist, weil weniger robust und selbstgefällig, weil weniger kämpferisch, leicht zu verwunden und zu töten. Wer möchte sich des Rufmordes [im O.: Mordes] schuldig machen?

Wenn wir auch nicht der Auffassung sind, daß man Künstler in allen Fällen durch Geschenke fördern kann, sind wir doch der Auffassung, daß manchmal ein Geschenk, auch ein kleines, bei dem der Geber anonym bleiben sollte, Wunder wirken könnte. Weihnachten steht vor der Tür. Wie wäre es, wenn wir an irgend einem armen Künstler die dumme Bemerkung seines erfolgreichen Kollegen gutmachen würden? Oder wollen wir uns damit begnügen, dem Kunstschaffen in Zukunft etwas mehr Interesse entgegenzubringen, Ausstellungen, Konzerte und Theater zu besuchen? Was in dieser Richtung geschieht ist gut. Doch am besten handelt, wer den Künstler ermutigt und durch Bezahlung seiner Kunst die Grundlage seiner materiellen Existenz schaffen hilft. Man könnte doch zu Weihnachten auch Konzert- oder Theaterkarten, Bilder, Bücher oder andere Kunsterzeugnisse schenken. Gerade die Menschen mit der anderen Tüchtigkeit hätten alle Ursache dazu. Ihr Leben würde schöner und reicher.

Aus: RSF Mitteilungen, Nr. XXI, Dezember 1948, Seite 5 (RSF = Radikal Soziale Freiheitspartei)

(Bearbeitung Red. Humanwirtschaftspartei Nord)

Kommentar Redaktion Humanwirtschaftspartei Nord: Der Artikel wurde in der von materieller Not geprägten Nachkriegszeit veröffentlicht. Eines unsinnigen, fürchterlichen Krieges, angezettelt von einem großmannssüchtigen Diktator und seinem Gefolge, mit Unterstützung vieler aus der deutschen Bevölkerung, die in der wirtschaftlichen Mangellage die Juden als Sündenböcke dafür verantwortlich machten.

Und auch heute erinnert manches an damals. Ein völkerrechtswidriger Überfall der Ukraine auf Befehl eines undemokratischen Regimes in Russland; Ausländer, die als vermeintliche Verantwortliche für wirtschaftliche Schwierigkeiten herhalten müssen. Vielen kann es auch in unserem Land mit den Abschiebungen gar nicht schnell genug gehen. Wäre es nicht besser mal nach den Ursachen zu fragen? Anzumerken wäre in diesem Zusammenhang, daß Deutschland mit seinem großen Exportüberschüssen seit Jahrzehnten Tausenden in anderen Teilen der Welt die Arbeit wegnimmt.

Wo bleibt da eigentlich die Mitmenschlichkeit, wo die christliche Nächstenliebe??? Die Bibel sagt in der Apostelgeschichte 20, Vers 35: „Geben ist seliger als nehmen“.

Dabei haben die einstigen wie heutigen finanziellen Engpässe, die weltweite, ungleiche Vermögensverteilung viel mit dem falschen Umgang mit dem Tauschobjekt „Geld“ zu tun, das immer noch als zinsbringendes Anlagemittel zu dieser ungerechten Verteilung beiträgt. Die Folge sind unter anderem Flüchtlingsströme, Umweltzerstörung, fehlende Gelder in der Pflege, der Infrastruktur, der Bildung und Rente oder im Gesundheitswesen.

Bezüglich der Kunst ist jetzt noch nicht absehbar, in wie weit die künstliche Intelligenz Kulturschaffende brotlos machen wird. Wir bitten alle Nutzer*innen diesen Gesichtspunkt bei der Anwendung der äußerst stromhungrigen KI zu bedenken, nicht nur zur Weihnachtszeit.

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Ein Gedanke zu „Damals war’s : „Sind Sie nicht auch der Meinung?“

  1. „… auf Befehl eines undemokratischen Regimes in Russland …“
    Gibt es für diese Behauptung Beweise oder wird hier nur der übliche kriegshetzende, faschistoide Mainstream nachgeplappert?
    Nach allgemeinen Wissen wurde der russische Präsident mehrheitlich vom Volk gewählt. Etwas, was man von Selensky (Wahlperiode abgelaufen – weitere Amtsanmassung entspricht daher einem Diktator), aber auch von einer kriegstreibenden EU-Kommission nicht sagen kann. Selbst in Deutschland ist die Kanzlerschaft eines Merz in Frage zu stellen, da der Bundestag sich weigert trotz berechtiger Zweifel am Endergebniss der Bundestagswahlen eine Nachzählung zu initiieren.

    mfg

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