{"id":22325,"date":"2025-06-01T17:31:00","date_gmt":"2025-06-01T15:31:00","guid":{"rendered":"https:\/\/nord.humanwirtschaftspartei.de\/?p=22325"},"modified":"2026-02-01T17:32:20","modified_gmt":"2026-02-01T16:32:20","slug":"freiwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nord.humanwirtschaftspartei.de\/?p=22325","title":{"rendered":"Freiwirtschaft"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Freiwirtschaft ist ein Wirtschaftsmodell, das von Silvio Gesell, einem deutsch-argentinischen Kaufmann, Landwirt und volkswirtschaftlichen Autodidakten, im Wesentlichen zwischen 1891 und 1916 entwickelt worden ist. Anlass seiner drei ersten Schriften, die sich noch ausschlie\u00dflich mit einer Geldreform besch\u00e4ftigten, war eine argentinische Wirtschaftskrise um 1890. Anfang des 20. Jahrhunderts forderte Gesell neben einer W\u00e4hrungsreform auch eine Bodenreform. Im Titel seines 1916 erschienenen Hauptwerks hei\u00dft es deshalb: Die Nat\u00fcrliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter Freiland wird in der Freiwirtschaft der friedlich in \u00f6ffentliches Eigentum \u00fcberf\u00fchrte Boden verstanden. Die Nutzung des Freilandes bleibt jedoch gegen Zahlung einer Pacht in privater oder genossenschaftlicher Regie. Aus der Pacht sollen zun\u00e4chst die ehemaligen Eigent\u00fcmer angemessen entsch\u00e4digt werden. Ist das geschehen, flie\u00dft die Pacht \u2013 gewisserma\u00dfen als abgesch\u00f6pfte Bodenrente \u2013 der Allgemeinheit zu. Die Umsetzung der Idee des Freilandes ist eine Voraussetzung f\u00fcr die erfolgreiche Umsetzung der Idee des Freigeldes.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Freigeld bezeichnet die Nat\u00fcrliche Wirtschaftsordnung ein Zahlungsmittel, das (wie die Ware) einem Wertverfall unterworfen ist und damit unter Umlaufzwang steht. Der Besitzer von Freigeld kann jedoch der Entwertung entgehen, wenn er die Hortung des Zahlungsmittels vermeidet, es also entweder gegen Ware eintauscht, verleiht oder auf einem Bankkonto (l\u00e4ngerfristig) festlegt. Man bezeichnet das Freigeld, das nach Auffassung Gesells zu sinkenden Zinsen, eventuell sogar zu Negativzinsen und im Endeffekt zu einem Nullzinsniveau f\u00fchrt, auch als rostende Banknoten, Flie\u00dfendes Geld oder Schwundgeld. Freiwirtschaftliche Geldexperimente, auf die sich auch die modernen Komplement\u00e4rw\u00e4hrungen berufen, fanden Ende der 1920er \/ Anfang der 1930er Jahre in Deutschland, \u00d6sterreich und in den Vereinigten Staaten statt. Auch gab es eine Reihe von Versuchen, die Gesellschen Freiland-Ideen umzusetzen. Tr\u00e4ger dieser Experimente waren vor allem verschiedene genossenschaftlich organisierte Siedlungsprojekte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ideengeschichtliche Beziehungen der Nat\u00fcrlichen Wirtschaftsordnung bestehen zur Physiokratie Fran\u00e7ois Quesnays (1694\u20131774), zur sogenannten \u201eEigennutzethik\u201c Max Stirners (1806\u20131856), zum solidarischen Anarchismus Pierre-Joseph Proudhons (1809\u20131865) sowie zu den Bodenreformern des 19. und 20. Jahrhunderts. Unter Letzteren ist besonders Michael Fl\u00fcrscheim zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Beginn des 21. Jahrhunderts findet die Nat\u00fcrliche Wirtschaftsordnung neue Aufmerksamkeit. Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind unter anderem die Entstehung von Regionalw\u00e4hrungen, die Weltwirtschaftskrise ab 2007, die Eurokrise ab 2010 sowie die Nullzinspolitik der Europ\u00e4ischen Zentralbank.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff Freiwirtschaft geht auf Silvio Gesell zur\u00fcck. Er bezeichnete damit eine Art Vorstufe seiner Nat\u00fcrlichen Wirtschaftsordnung. Das eigentliche Ziel war die Errichtung einer Physiokratie (=Naturherrschaft). Damit verwiesen Gesell sowie seine fr\u00fchen Anh\u00e4nger Georg Blumenthal und Hans Timm auf Fran\u00e7ois Quesnay, verbanden dessen Ideen jedoch zu Anfang des 20. Jahrhunderts mit anarchistischem und freiwirtschaftlichem Gedankengut. Anh\u00e4nger Gesells bezeichneten sich in der ersten Phase der Freiwirtschaftsbewegung als Physiokraten (auch Fysiokraten, Fisiokraten). Martin Hoffmann, ein junger Theologe und ebenfalls fr\u00fcher Anh\u00e4nger Gesells, unterschied Mitte der 1920er Jahre mit den genannten Begriffen zwei Str\u00f6mungen innerhalb der Gesellschen Bewegung: die b\u00fcrgerlichen Freiwirtschaftler auf der einen und die proletarischen Physiokraten auf der anderen Seite. Seit den 1930er Jahren bezeichnen sich Vertreter der Gesellschen Ideen als Freiwirtschaftler, Freiwirte und\/oder Gesellianer. Neuerdings tauchen auch die Begriffe Humanwirtschaft und Fairconomy auf. Hauptziel der Freiwirtschaft ist eine stabile, sozial gerechte Marktwirtschaft. In einem freiwirtschaftlich organisierten Wirtschaftssystem sollen Produktion und Konsum \u00fcber den Markt vermittelt werden (Marktwirtschaft). Private oder \u00f6ffentliche Unternehmen tragen das gesch\u00e4ftliche Risiko und erwirtschaften mit dem Kapitaleinsatz eine gewinnabh\u00e4ngige Rendite. Das Geldverm\u00f6gen ist mit einem Negativzins belegt, wodurch es als \u201eumlaufgesichert\u201c gilt. Damit soll die Umlaufgeschwindigkeit des Freigelds erh\u00f6ht werden, wodurch gen\u00fcgend Mittel f\u00fcr Investitionen bereitst\u00fcnden. Mit dem Freigeld w\u00fcrde sogar ein Absinken des allgemeinen Marktzinsniveaus auf 0 % (oder gar darunter) erlaubt. Gleichzeitig sollen mittels der Freilandreform die gegenleistungslosen Einkommen, die durch Landbesitz entstehen und sich systemisch nicht eliminieren lassen, an die Allgemeinheit abgef\u00fchrt und vergesellschaftet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reformforderungen der vor allem in den 1920er Jahren im deutschsprachigen Raum gro\u00dfgewordenen Freiwirtschaftsbewegung werden oft mit \u201eF.F.F.\u201c zusammengefasst: Freigeld, Freiland, Festw\u00e4hrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Hauptforderungen dieser Geldpolitik sind:<\/p>\n\n\n\n<p>Einf\u00fchrung einer umlaufgesicherten W\u00e4hrung, Abschaffung des Goldstandards<\/p>\n\n\n\n<p>Silvio Gesell forderte die Abschaffung der bis dahin weltweit verbreiteten Golddeckung, weil nur eine begrenzte Menge Gold f\u00fcr den Geldkreislauf zur Verf\u00fcgung stehe, w\u00e4hrend eine Wirtschaft beinahe unbegrenzt wachsen k\u00f6nne. Goldmangel k\u00f6nne deflation\u00e4re Zust\u00e4nde verursachen, Gold\u00fcberschuss k\u00f6nne destabilisierende Inflation zur Folge haben.<\/p>\n\n\n\n<p>In der freiwirtschaftlichen Theorie ist das grunds\u00e4tzliche Problem des Geldes das der fehlenden Lagerkosten. Alles in der Natur unterliege dem rhythmischen Wechsel von Werden und Vergehen, nur das Geld scheine der Verg\u00e4nglichkeit alles Irdischen entzogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Ans\u00e4tze gibt es, um dies zu verdeutlichen: Der Gesellsche Ansatz basiert auf der Analyse von Pierre-Joseph Proudhon, welche besagt, dass der Geldbesitzer gegen\u00fcber dem Besitzer bzw. Anbieter von Waren, Produkten, Dienstleistungen sowie Arbeitskraft einen entscheidenden Vorteil besitzen w\u00fcrde: Durch das Lagern von Waren, Produkten und Dienstleistungen entst\u00fcnden laufende Kosten, bei Geld aber nicht. Dadurch w\u00fcrde der Geldbesitzer (die Nachfrage) einen systemischen Vorteil gegen\u00fcber dem Angebot erhalten, was dazu f\u00fchren w\u00fcrde, dass Geld teurer verkauft w\u00fcrde als Waren. Diesen zus\u00e4tzlichen Wert definierte Gesell als den \u201eUrzins\u201c, dessen H\u00f6he er auf j\u00e4hrlich 4\u20135 Prozent sch\u00e4tzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Investitionen w\u00fcrden seiner Meinung nach nicht get\u00e4tigt, l\u00e4ge der allgemeine Marktzins unter drei Prozent. Stattdessen w\u00fcrde es als liquides Mittel gehalten und gem\u00e4\u00df Gesell zu Spekulationszwecken verwendet. Aus Perspektive der Anleger entst\u00fcnde der Anlagenotstand, aus Perspektive der Unternehmer entst\u00fcnde der Eindruck der Kapitalknappheit. Deflation und Spekulationsblasen w\u00e4ren erfahrungsgem\u00e4\u00df die Folgen solcher Situationen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Gegenmittel dazu bietet Gesell die Umlaufsicherung an, welche sicherstellen soll, dass weiterhin das mit negativem Zins belegte Geld investiert w\u00fcrde. Die Umlaufsicherung soll sich deshalb wie eine Steuer auf Liquidit\u00e4t auswirken, um die Umlaufgeschwindigkeit zu steuern. Dadurch soll \u2013 nach freiwirtschaftlicher Annahme \u2013 Vollbesch\u00e4ftigung, vergleichbar mit einer permanenten Hochkonjunktur eintreten, wodurch die L\u00f6hne stiegen, w\u00e4hrend gleichzeitig die Preise real fallen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein derartiges \u201eFreigeld\u201c erf\u00fcllt nicht die Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes. Manchmal wird auch der von Otto Heyn gepr\u00e4gte Begriff Schwundgeld genannt, der von Kritikern gelegentlich abwertend benutzt wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Freiwirtschaft ist ein Wirtschaftsmodell, das von Silvio Gesell, einem deutsch-argentinischen Kaufmann, Landwirt und volkswirtschaftlichen Autodidakten, im Wesentlichen zwischen 1891 und 1916 entwickelt worden ist. &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"rop_custom_images_group":[],"rop_custom_messages_group":[],"rop_publish_now":"initial","rop_publish_now_accounts":{"facebook_122115628364863413_100366425223093":""},"rop_publish_now_history":[],"rop_publish_now_status":"pending","footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-22325","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-region-mecklenburg-vorpommern"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/nord.humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22325","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/nord.humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/nord.humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nord.humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nord.humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22325"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/nord.humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22325\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22326,"href":"https:\/\/nord.humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22325\/revisions\/22326"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/nord.humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22325"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/nord.humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22325"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/nord.humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22325"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}